Rucksack umpacken. Die zwei Tage waren nur der Test. Nach dieser Nacht beginnt die 3-Tages-Tour zur Horvela, dem höchsten Berg der ukrainischen Karpaten. Das Wetter verschlechtert sich. Mittags ziehen jetzt täglich dunkle Wolken auf.
Ich löse meine Schuhprobleme in letzter Minute: der linke Laufschuh macht keine Blase und für rechts habe ich ja noch meinen Bergschuh. Also gehe ich mit einem Unpaar durch die Karpaten. Wem es auffällt, der schweigt mitleidig.
Unser Taxi bringt uns über Schlagloch und Schotter zum Ausgangspunkt. Diese Fahrt kostet Zuschlag. Akzeptiert. Wir steigen 1100m zum ersten Berg: Heidelbeerkauend. Der erste Blick nach Rumänien. Karpaten in alle Richtungen, so weit das Auge reicht. Schöner Picknickplatz. Alle Beine sind verschrammt wegen Wacholder- und Krüppelkiefern, alle Zähne sind heidelbeerblau. Ich sitze auf einem Stein und futtere die Heidelbeeren im Armradius, kann nicht aufhören.
In der Ukraine ist zur Zeit Ketchup modern. Sie essen es zu allen. Ich halte mich an die Knoblauchzehen zu allem: morgens, mittags und abends. Dracula ist nicht mehr weit.
Der Nachmittagsmarsch - aufwärts. Unser Lager in einer kleinen Mulde. Bergfrisches Wasser reichlich. Wir waschen uns, solange die Sonne scheint. Die Zehen frieren blau im kalten Wasser. Das Holz ist knapp. Wir sammeln! Und bauen unsere Zelte auf - im Wettrennen gegen die schwarzen Türme am Himmel. Regen! Aber unsere Zelte geben uns Schutz. Danach Abendessen mit steifen Fingern. Über uns auf dem Berg "Schloss Dracula" ein aufgegebenes Observatorium. Hier gibt's kein Streulicht. Dafür gab es hier, wo es nichts gibt, jede Menge Krieg. Im 2. Weltkrieg mussten deutsche Soldaten monatelang Wind, Wetter und Einsamkeit in Schutzgräben und Stellungen ertragen, um russische Militärbewegungen auszuspähen. Taras: "Wenn die, die die Kriege zu verantworten haben, hier bleiben müssten, gäbe es keine Kriege. Die Armeen hier wurden fast verrückt". Wir finden die Stellungen und 60 Jahre alte Stacheldrahtzaunreste als Stolperfallen. Ukrainer helfen uns, damit wir nicht über deutschen Stacheldraht stolpern. Glückliche Zeiten.
Der Mond ist zum Greifen nahe und wir haben Zeit für Philosophie. Die Kuppen im Mondlicht - wir 6 allein, absolute Stille, Wacholderfeuerduft und Gedichte aus der Jugend dringen aus der Vergangenheit. Jeder sollte Solches erleben. Es geht tiefer als Weizenbier in den Hütten. Ich fühle mich den Alpinisten vergangener Generationen sehr nahe, dem Leben und der Allmacht.
Die Nacht wird kalt. Ich ziehe die Fleece-Jacke als 4. Hose an. Der Rucksack ist leer. Innen beschlägt das Zelt. Bei jedem Wind, jeder Drehung ein nasser Klatscher im Gesicht oder am Schlafsack. Morgen werde ich in Goretex schlafen.
Wir steigen auf. Eine Gratwanderung über Kuppen und wunderbare Wiesenwege im 2000er Bereich. Früh sind wir an unserem heutigen Ziel: der höchstgelegenste See der Ukraine. Leider ist der Rastplatz häufiger frequentiert und müllig rundherum. Baden? Das Wasser ist eisig. Wir suchen uns eine andere Stelle - nur für uns am Bach. Ein Paradies. Unser Picknick zieht sich in die Länge. In meinem Blut kribbelt es. Ich kann nicht genießen. Wir sollten die Zelte aufbauen. Monika, spinn nicht! Es sind keine Wolken zu sehen, aber mein Blut gibt mir eine Warnung. Wir bauen auf und schon kriecht es schwarz über den Berg. Alle Zelte stehen, als der Regenschutt beginnt.
"Wer in den Karpaten war und hatte keinen Regen, war nicht in den Karpaten!"
Wir waren !!