Nach 13 Jahren wieder einmal in Ukraines Hauptstadt KIEW

Reisebericht KIEW 2010

"Wann besucht Ihr uns"? sagte jedes Jahr Marina zum Abschied.

von Berthilde Enders, Beisitzerin im Vorstand des Vereines "SOS `86 - Kinder von Tschernobyl e.V."

Da ich nun seit 2 Jahren keine neuen Gasteltern für Tschernobylkinder mehr finden konnte, sehe ich in einem Gegenbesuch einen gewissen Abschluss meines bisherigen Engagements. Deshalb mussten mein Mann und ich der schon lange ausgesprochenen Einladung nun endlich Taten folgen lassen. Als die Organisation SOS Kinder von Tschernobyl eine Flugreise anbot, haben wir uns kurzerhand entschlossen, mit zu fliegen. Diese Reiseart ist natürlich sehr viel angenehmer als 30 - 36 Stunden im Bus zu sitzen. Schon vor diesem Hintergrund war unsere Reise ganz anders als die vor 13 Jahren. Da wir erst in Kiew auf den Rest der Besuchergruppe gestoßen sind und im Flughafen in Kiew ohne Russischkenntnisse auf uns alleine gestellt waren, war unsere Freude riesig, als wir am Ausgang des Flughafens von Marina, unserer Gastgeberin und Übersetzerin abgeholt wurden. Sie hat ein eigenes kleines Auto, was in der Ukraine schon als großen Luxus gilt, zumal für eine Frau im zarten Alter von 30 Jahren. Schon auf dem Weg vom Flughafen in Marinas Wohnung wurde uns wieder bewusst, wie groß die Stadt ist. Offiziell hat sie 3,5 Millionen Einwohner, aber Marina sagte uns, dass es mit all den unangemeldeten Personen sicher 4,5 bis 5 Millionen seien. Die Straße vom Flughafen ist neu gemacht und sehr ordentlich, eine echte Visitenkarte des Landes. Wir erinnern uns an die Straßen vor 13 Jahren, die aufgrund der fehlenden Kanalisation zu richtigen Seen verwandelt waren. Dies ist in den Vororten und Randbezirken der Stadt auch heute noch so, erfahren wir von Marina. Sie wohnt im Vorort Wischgorod, der etwa 25 km von der Stadtgrenze Kiew entfernt ist. Auch diese Straße ist ganz neu ausgebaut und Marina sagt uns, dass dies erst kürzlich gemacht wurde, weil der Präsident der Ukraine in Wischgorod wohnt. Bald darauf wird auch schon der gesamte Verkehr rund um diese Straße und angrenzende Kreuzungen von der Polizei gestoppt. "Was soll das?" fragen wir und Marina sagt, das ist der Nachteil dieser Straße. Immer wenn der Präsident hier fährt, müssen alle anderen Autos stehen und warten bis er mit einem Trillerton vorbeigefahren ist. Das kann ja lustig werden und so war es auch. Mehrmals während unserer 8 Tage in Kiew waren wir Zeuge dieser Aktion. In der Stadt selbst legt er damit mehrmals täglich den gesamten Verkehr lahm. Die nächste Überraschung galt der Wohnung von Marina. Sie wohnt im 6. Stock eines Plattenbaues, der im Eingangsbereich wenig einladend wirkt. Aber oben dann die Wohnung ist sehr schön, aber eiskalt. Ja, entschuldigt sich Marina: unsere Heizung ist zentral gesteuert und die Heizperiode beginnt erst am 15.10. Puh das kann ja heiter werden; heute ist der 9.10. und draußen sind es 5 Grad. Riesig groß war dann die Freude, als am Abend des 09. Oktober plötzlich die Heizung auf Hochtouren lief. Nach der ersten Nacht wurde uns jedoch bewusst, welche Verschwendung hier betrieben wird. Man kann nichts regulieren, außer die Fenster aufsperren und das mussten wir nun den ganzen Tag und die Nacht, sonst hätten wir vor Hitze nicht schlafen können. Dass die Zentralheizung nun ein paar Tage früher anging war wohl der nahen Kommunal-Wahl zu verdanken.

Am Sonntag fuhren wir nach Kiew hinein, um die Stadt zu besichtigen. Alle Geschäfte waren offen und das Warenangebot ist wie in Deutschland auch. Meistens sind die Waren eher noch teurer als bei uns. Dies ist für die Normalverdiener in der Ukraine natürlich unerschwinglich, denn die Löhne liegen weit unter den unsrigen, ganz zu schweigen von den Renten. Marinas Mama z.B. hat eine monatliche Rente von umgerechnet € 150,--. Ohne die Unterstützung ihrer Tochter könnte sie nicht leben. In dieser Beziehung hat sich in den vergangenen Jahren nicht viel verändert. Was uns jedoch auffällt, ist eine rege Bautätigkeit. Obwohl die alten Plattenbauten noch bewohnt sind, gibt es sehr viele neue Wohnblocks. Die Stadt ist voll mit Menschen und irgendwo müssen sie ja auch wohnen. Am Abend kann man durch die Beleuchtung sehen, dass selbst die schlechtesten Wohnungen noch belegt sind. Uns wird klar, hinter jedem Fenster verbirgt sich ein Schicksal und wie schon gesagt, das Äußere des Hochhauses ist nicht maßgebend für die Wohnung.

Am Montag besuchten wir unsere Partnerorganisation in Kiew und erfuhren durch den Vorstand der dortigen Organisation von vielen guten Dingen, die bisher mit unserer Unterstützung entstanden sind. Da ist z.B. eine von unserem Verein eingerichtete Zahnarztpraxis, die gerne wegen der modernen guten Geräte und Einrichtungen von der Bevölkerung genutzt wird. Andererseits werden jährlich mehrmals Kinder in ein Kinderheim am Schwarzen Meer geschickt, das ebenfalls durch unsere Hilfe ausgebaut wurde. In der Nähstube im ersten Stock lernen Kinder mit den von uns geschickten Nähmaschinen umzugehen und kleine Handarbeiten wurden uns zum Dank als Geschenk gemacht.

Am nächsten Tag fuhr unsere Gruppe in ein Freilichtmuseum vor der Stadt. Hier ist, ähnlich wie bei uns im Hessenpark, zu sehen, wie man vor 100 Jahren lebte. Aber dafür braucht man hier nicht ins Freilichtmuseum gehen, denn das kann man auch noch täglich in den Dörfern erleben. In den letzten Jahren wurden vorwiegend unsere Hilfstransporte in die Dörfer um Kiew geliefert, weil in der Stadt die Not nicht mehr so groß ist. So wurde diesmal das Dorf Lipowkova mit Hilfsgütern versorgt und wir sind deshalb dort hin gefahren um zu sehen, ob diese Pakete auch gut angenommen wurden. Das war eine Reise in die Vergangenheit. Wir wurden mit russischem Gesang und dem traditionellen Brot und Salz herzlich begrüßt. Eine der Familien des kleinen Dorfes hieß uns willkommen und hat uns außergewöhnlich gastfreundlich bewirtet. Nach dem Essen wurde uns das Dorf gezeigt. Man sagte uns, dass nach der Tschernobylkatastrophe den Bewohnern vom Staat ein kleines Stück Land gegeben und Geld zum Aufbau einer kleinen Wohnhütte gegeben wurde. Eine Baptistengemeinde aus Amerika hat sich dieser Dorfbewohner angenommen und eine kleine Kirche, einen Kindergarten und eine Schule gebaut. Daraufhin sind viele Bewohner zu diesem Glauben übergetreten und leben ein wirklich einfaches Leben. Die Frauen sagten uns: "Wir trinken keinen Alkohol, rauchen nicht und tragen keine langen Hosen". Die Kirche war verschlossen, aber die Schule konnten wir besichtigen. Es sind einfache saubere kleine Klassenräume mit ganz einfachen Stühlen und Tischen, an denen jeweils 2 Kinder Platz nehmen können. Wir waren am Nachmittag da und wunderten uns, dass noch einige Schülerinnen in den Klassenräumen aufräumten, ja sogar den Boden wischten. Daraufhin erfuhren wir, dass die Sauberkeit in den Klassen Sache der Benutzer, sprich der Schüler, ist; nur die zentralen Räume wie Flur usw. werden von einer Reinigungsfrau gesäubert. Das sollten sich einmal unsere Kinder zu Herzen nehmen. Nach herzlicher Verabschiedung fuhren wir wieder zurück nach Kiew, zurück in die für uns normale Zivilisation. Am diesem Abend führt uns Marina in eine Pizzeria mit Namen Mafiosi. Hier sehen wir vor allem junge Leute und bestellen auf Anraten von Marina 1 Meter Pizza. Diese wurde sehr dekorativ auf einem Holzbrett in der Größe von 1 m serviert und von uns mit rotem Wein genossen. Zusammen hat die ganze Mahlzeit knapp € 20,-- gekostet. Marina bezahlte alles in Griffna und wir gaben ihr das Geld dann in € zurück. Da sie durch ihre hervorragenden Deutschkenntnisse beruflich oft in Deutschland zu tun hat, kann sie die Euro gut gebrauchen.

Am Donnerstag besuchen wir dann unsere Bekannte Ljudmilla, der wir überhaupt den Kontakt nach Kiew zu verdanken haben. Sie wohnt am anderen Ende der Stadt und wir fahren eine gute Stunde bis wir am Ziel sind. Mit dem Handy verständigt sich Marina mit dem 29-jährigen Sohn der Frau, der auch schon oft bei uns zu Besuch war, und dadurch können wir in dem Gewirr der Straßen den Wohnblock von Ljuda finden. Auch hier der erste Eindruck, dass die Wohnblocks sehr heruntergekommen sind, aber dort hat man am Eingang eine Frau sitzen, die kontrolliert wer ein- und ausgeht. Und auch hier das große Erstaunen, die eigentlichen Wohnungen sind kleine Oasen, die ordentlich sauber und gut eingerichtet sind. Ljuda erforscht seit einigen Jahren ihre Ahnentafel und konnte feststellen, dass sie aus einer alten ukrainischen Adelsfamilie stammt. Sie zeigt uns stolz ihre Aufzeichnungen und die Ahnentafel. Ihre Wohnung ist überfüllt von Büchern und traditionellen Dingen aus der Vergangenheit, an die sie sich sehr gerne zurück erinnert. Wie überall, so werden wir auch hier mit gutem Essen verwöhnt und gehen im nahen Wald spazieren. Dort sind viele junge Eltern mit ihren Kinder unterwegs und die kleinen spielen mit Begeisterung mit den zahmen Eichhörnchen, die sie mit dem Aneinander klopfen von Nüssen herbeirufen.

In der Ukraine und gerade in Kiew legt man sehr viel Wert auf Kultur und am Abend steht noch der Besuch der Oper mit einem Ballett auf dem Programm. Wir stellen unser Auto auf einen Parkplatz nahe der U-Bahnstation und fahren mit der Bahn ins Zentrum, weil es dort nur wenige Parkplätze gibt. Zum Glück, denn wir geraten in eine Demonstration einer politischen Gruppe, die, wie Marina uns erklärt, sehr rechts steht. Die Aktivisten waren schwarz gekleidet und haben mit Sprechchören auf ihr Anliegen aufmerksam gemacht. Die Polizei hat den Demonstrationszug begleitet und abgesichert. Das lief ab, wie wir es auch von unseren Großstädten kennen.

Das kleine Opernhaus war gut gefüllt und die Aufführung sehr gut gelungen.

Am nächsten Tag hieß es für uns schon wieder bald Abschied nehmen. Marina zeigt uns noch das eigentliche Dorf Wischgorod. Wir gehen über einen kleinen Freitagsmarkt, auf dem die Fische in großen Zinkwannen halbtot angeboten werden. Bei diesem Anblick vergeht uns erst einmal der Appetit auf Fische. Am Rand all der großen Wohnblocks gibt es dort kleine Einfamilienhäuser und eine kleine Kirche. Die hatte ich vor 13 Jahren schon einmal besucht und damals war das Kirchlein der russisch orthodoxen Kirche sehr verwahrlost und der Pope sagte uns damals, dass jetzt nach der Perestroika alles wieder besser wird und die Kirche sicher bald wieder in altem Glanz erstrahlen wird. Gerne hätte ich dieses Jahr wieder hineingeschaut, aber ein junges Paar wollte bei der Trauung ganz mit Gott alleine sein und die Tür wurde regelrecht abgeschlossen für das Zeremoniell. Draußen um die Kirche war wirklich alles in neuem Glanz und sehr gepflegt. Dann zeigt uns Marina noch den alten Friedhof des Dorfes. Hier ist bei jedem Grab eine kleine Bank und einen Tisch. Auf meine Verwunderung hin erklärte mir Marina, dass die Angehörigen der Verstorbenen einmal im Jahr, und zwar eine Woche nach Ostern, hier zu den Gräbern kommen und gemeinsam mit der ganzen Familie dort auf dem Friedhof quasi mit den Verstorbenen essen. Andere Länder andere Sitten. Nun gehen wir noch vorbei an einem Denkmal, das an die Hungersnot der Jahre 1932/1933 unter Stalin erinnert. Damals wurde unter Zwang die gesamte Ernte der Ukraine nach Zentralrussland verbracht und in der Ukraine hungerte das Volk, so dass Millionen Ukrainer zu Tode kamen.

Am Abend gab es noch ein Abschiedsessen mit der ganzen Sippe und in der Nacht brachte uns Marina schon wieder zum Flughafen, um die Heinreise anzutreten. Das waren bewegte interessante aber auch anstrengende Tage in der Ukraine. Es war mehr als ein Besuch bei Freunden, der schließlich lange schon überfällig war.

Berthilde Enders

Pressespiegel Übersicht
Kinder von Tschernobyl

Ukrainische Fahne SOS Kinder von Tschernobyl e.V. Deutsche Fahne

Tschernobyl Karte Ukraine

Landkarte Ukraine