Von Jockel Kohlmann
Seit 16 Jahren gibt es den in Eich gegründeten 170 Mitglieder zählenden Verein "Kinder von Tschernobyl", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die vielen tausend Opfer der Katastrophe nicht zu vergessen. Sachgüter im Gegenwert vieler Millionen Euro wurden seitdem in 71 Hilfsgütertransporten in die Ukraine gebracht. Ganze Kinderheime konnten mit Hilfe der Rheinhessen ausgestattet werden, Krankenhäuser erhielten dringend benötigtes medizinisches Gerät und auch Arzneien.
"Inzwischen haben sich die Folgen der radioaktiven Verstrahlung auf die Kinder jener Menschen übertragen, die 1986 selbst noch Kinder oder Jugendliche waren", weiß Vorsitzender Rolf Konersmann zu berichten. Hinzu kommen die jährlichen Kindererholungen, bei denen mit Bussen Kinder aus der Ukraine nach Rheinhessen eingeladen werden. Vier Wochen gesunde Luft am Rhein, weiß Konersmann, "stabilisieren für ein Jahr das Immunsystem der Kinder".
Zusehend versiegt jedoch für die Tschernobyl-Opfer die Hilfe aus dem Ausland. Kamen in den ersten Jahren nach der Katastrophe noch Gelder aus Japan, USA oder Kanada, sind diese Geldströme inzwischen nicht mehr verfügbar, weil sich die dortigen Hilfsorganisationen inzwischen aufgelöst haben. Andere Katastrophen wie etwa die jüngsten Erbeben in Asien oder die Tsunami-Katastrophe haben dafür gesorgt, dass die Menschen der Katastrophe von Tschernobyl immer mehr in Vergessenheit geraten. So wird es auch für den Eicher Verein immer schwieriger, Spenden zu bekommen.
Rund 100.000 Bürger, die 1986 in der Stadt Pripjat und der Umgebung von Tschernobyl gewohnt und gearbeitet haben, wurden damals in Nacht-und Nebelaktionen evakuiert. "Es hieß, wir sollten lediglich einen Koffer mitnehmen, da wir für einige Tage in eine Unterkunft kommen sollten", erinnert sich Valentina Charitich (55), deren Mann Tolja (57) zu den so genannten Liquidatoren gehörte, die ohne jeglichen Schutz den Brand im Reaktor Tschernobyl bekämpften. Die Reise ging im April 1986 mitten in der Nacht nach Kiew, wo die Charitichs heute noch leben und ihr Heimatdorf inzwischen zur "Todeszone" erklärt wurde. Vor Jahren haben die Charitichs ihr Heimatdorf für wenige Stunden besuchen dürfen. Aus dem Schlafzimmer des alten Holzhauses wachsen inzwischen Birkenbäume. "Es ist ein Geisterdorf", sagt sie. In Kiew mussten sich die Dorfbewohner zurechtfinden. Sie bekamen zwar Arbeit, aber lebten fortan in den hässlichen Plattenbausiedlungen. Wer Glück hatte, der wurde in Dörfer wie Marjanowka evakuiert.
Überall rund um Kiew leben in den Dörfern die "Evakuierten". Die Lebensverhältnisse haben sich indes nicht gebessert. Viele der Verstrahlten sind nicht mehr arbeitsfähig und müssen mit einer monatlichen Rente von umgerechnet noch nicht einmal 80 Euro leben. "Da sind die Leute natürlich froh darüber, wenn sie kostenlos Kleidung aus Deutschland bekommen", weiß Lehrerin Galina Kowalenko von der Dorfschule Marjanowka zu berichten. Genau da will Konersmann die begonnene Arbeit auch fortsetzen. Wenn schon keine finanzielle Unterstützung mehr gewährt werden kann, soll wenigstens die materielle Hilfe fortgeführt werden. Nach wie vor sammeln er und seine Mitstreiter die Kleiderspenden. Sponsor Horst Engelhardt, der aus seiner Mannheimer Stiftung jährlich den Eicher Verein mit stattlichen Summen unterstützt, garaniert dadurch, dass die Hilfsgütertransporte finanziert werden können. Rund 4.000 Euro kostet ein solcher Transport. Beim Besucher des Eicher Vereins wurde bei allen Gelegenheiten die Dankbarkeit der Menschen deutlich, dass die Rheinhessen sie nicht vergessen haben. Lehrerin Kowalenko weiß, dass gerade in kleinen Dörfern die Armut zumindest dadurch aufgefangen werden kann, da sich viele als Selbstversorger durch den Anbau von Kartoffeln und Gemüse sowie der Haltung eines Hauschweins, einer Kuh und Ziege, "über Wasser halten können".
Konersmann durfte in leuchtende Kinderaugen blicken, als er dem Schulchor für die dargebotenen Lieder Süßigkeiten überreichte. Viele der Kinder wünschen sich Brieffreundschaften mit Gleichaltrigen in Rheinhessen. Etliche Briefe nahm Konersmann mit zur Realschule nach Osthofen, deren Kinder mit Aktionen schon des Öfteren der Dorfschule in Marjanowka unter die Arme gegriffen haben. "Wir werden weiterhin diesen Menschen Hilfe zukommen lassen, wir können und dürfen da nicht wegschauen sagt er".
So konzentrieren sich jetzt in Eich wieder die Bemühungen, den nächsten Hilfsgütertransport zu organisieren. Der soll im Herbst Richtung Ukraine rollen, damit die Menschen rechtzeitig vor Weihnachten wieder Kleiderspenden in Empfang nehmen können. Für ein Paten-Kinderheim am Schwarzen Meer werden derweil wieder Lebensmittel gesammelt.
Quelle: Allgemeine Zeitung Mainz