"Kinder von Tschernobyl"? Was für Jungen und Mädchen sollen das sein? Das Reaktorunglück war doch schon vor 20 Jahren. Solche Fragen hört Rolf Konersmann inzwischen öfter, und sie machen ihn wütend und traurig zugleich. "Natürlich sind die Kinder, die den GAU 1986 miterlebten, inzwischen längst erwachsen, haben oft selbst Nachwuchs. Aber die Genstörungen, die nach dem atomaren Unfall auftraten, werden von Generation zu Generation weitergegeben", betont der Mann aus dem rheinhessischen Eich.
1992 gründete er einen Ableger des Vereins "SOS 86 Kinder von Tschernobyl" - wie er schon im Sauerland bestand- und fand Mitstreiter in der Kurpfalz, in Rhein-und Südhessen. Die Mitglieder engagieren sich für die ehemaligen Bewohner von Pripjat- der Stadt unmittelbar neben dem Atomkraftwerk Tschernobyl. Gerade wird die 70. Fuhre mit Hilfsgütern auf den Weg gebracht - 780 Kartons mit Kleidungsstücken, außerdem Krankenbetten, Krankenhausnachttische, Rollstühle, Computer und Fahrräder sollen in den kommenden Wochen Richtung Kiew rollen. Dort wohnen die Menschen aus Pripjat seit der Katastrophe in einem Plattenbau-Stadtteil. Ihr Alltag ist beschwerlich, ihre Zukunftsperpektive düster. "Jobs gibt es nur sehr wenige, die Löhne sind sehr niedrig, die medizinische Versorgung miserabel", berichtet Konersmann. "Und wer noch nicht unter ihr leidet, hat panische Angst, dass die Strahlenkrankheit bald bei ihm ausbricht".
Unbegründet ist das nicht: Der Verein "SOS 86" hatte vor ein paar Jahren einen Liquidator, der nach dem Reaktorunfall an Kehlkopfkrebs erkrankte, zu einer Therapie nach Heidelberg geholt, weil die Ärzte in der Ukraine ihm nicht mehr helfen konnten. Dem Familienvater geht es inzwischen besser, nun aber ist sein Sohn an Schilddrüsen-und seine Tochter an Brustkrebs erkrankt. "Unsere Hilfe darf nicht enden", betont Konersmann. 1.500 "Tschernobyl-Gäste"-vor allem Kinder, aber auch Erwachsene- hat sein Verein schon zu Erholungsaufenthalten nach Deutschland eingeladen, weitere 100 kommen in diesem Sommer. Während des vierwöchigen Aufenthaltes kann das Immunsystem der strahlengeschädigten Ukrainer hier - in unbelasteter Umgebung- gestärkt werden. "Leider können wir 20 Jahre nach dem GAU kaum mehr neue Gasteltern finden", bedauert der Vorsitzende. "Die Erinnerung an das Unglück verblasst einfach". Geld-und Sachspenden gehen zwar immer noch nach Kiew. So hat der Mannheimer Stifter Horst Engelhardt etwa eine Operationsleuchte für die Uni-Klinik dort finanziert. "Doch weitere Unterstützung muss folgen".
Quelle: Allgemeine Zeitung Mainz