Seit zehn Jahren hat für den Rentner Erich Lautenschläger (69) das Leben einen ganz anderen Sinn, als er es sich zuvor erträumt hatte. Lautenschläger nimmt Woche für Woche in einer alten Lagerhalle in der Eicher Bachstraße Hilfspakete entgegen, sortiert Kleidungsstücke und verschnürt Pakete. Einen bis zwei Tage in der Woche opfert er dem 170 Mitglieder zählenden Eicher Verein "Kinder von Tschernobyl". Lautenschläger ist inzwischen nicht nur Zweiter Vorsitzender im Verein, sondern auch so etwas wie der "Hausmeister", der alle im Lager anfallenden Arbeiten koordiniert.
Angefangen hatte es, als er aus purer Neugier an einer Informationsfahrt des Vereins in die ukrainische Hauptstadt Kiew teilgenommen hatte. Dort und in Dörfern rund um Kiew leben heute rund 60.000 Menschen, die 1986 aus der so genannten "Todeszone" nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl evakuiert wurden. Die meisten davon leiden an Strahlenkrankheiten, die sich inzwischen auch auf die Kinder der damals Evakuierten übertragen hat.
Die Renten der kranken Menschen liegen bei umgerechnet 40 Euro im Monat und davon können keine Arztrechnungen bezahlt werden. Lautenschläger erinnert sich noch sehr gut, als er zum ersten Mal in eines dieser "Tschernobyl-Dörfer" kam, "an die nackte Armut, die ich mir nicht vorstellen konnte". Damals sagte er sich, dass er selbst mithelfen wolle, das Leid dieser Menschen zu lindern.
Nicht zuletzt durch Lautenschlägers konsequentes Engagement schafft es der Verein, Jahr für Jahr mindestens vier bis fünf 40-Tonner Lastwagen mit Hilfsgütern in die Ukraine zu bringen. Wichtig sei für ihn, so betont er, "dass jeder Spender weiß, dass wirklich jede Hose, jede Jacke oder jeder Rock auch dort ankommt, wo er vor Ort benötigt wird". Damit alles seine Richtigkeit hat, fährt er häufig selbst mit, um den Transport zu überwachen. Inzwischen verfügt Lautenschläger über intensive Kontakte zu Firmen, die Lebensmittel oder sonstige Güter des täglichen Bedarfs spenden.
Akribisch führt er Listen, welche Sachspenden eingegangen sind und wie viel Pakete in die einzelnen Dörfer geliefert werden. Eifrig steht ihm dabei der Gimbsheimer Horst Weber zur Seite, denn zwei kräftige Hände alleine reichen nicht. Inzwischen konnten sogar ganze Arztpraxen ab- und in der Ukraine wieder aufgebaut werden. Vor allem die Uni-Klinik in Kiew erhält medizinische Geräte, die der Verein aus Geldspenden anschafft. Vorsitzender Rolf Konersmann würdigt Lautenschlägers Arbeit als "unverzichtbar". Hunderte von Tonnen habe Lautenschläger schon an Paketen geschnürt, Krankenbetten ab-und aufgebaut.
Allerdings kommt nicht immer nur Freude über die Sachspenden auf. Oftmals, so Lautenschläger, "bekommen wir Kleidersäcke mit verschmutzter Wäsche". Auch wenn es arme Menschen seien, die Hilfsgüter bekämen, hätten diese dennoch ein Recht auf saubere Kleidungsstücke. Doch solche "Rückschläge" nimmt er hin. "Der schönste Lohn meiner Arbeit ist es, wenn ich diese Dankbarkeit in den Dörfern verspüre und diese Herzlichkeit der Menschen, die es bei uns fast gar nicht mehr gibt." Lautenschlägers Verdienste drangen bis in die Amtsstuben der Kiewer Verwaltung. Und diese honorierte es ihm mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde. Darüber ist er natürlich stolz und es ist auch ein Grund mehr, sich noch über seinen 70. Geburtstag hinaus zu engagieren, findet Erich Lautenschläger.
Quelle: Allgemeine Zeitung Mainz