SOS `86 Kinder von Tschernobyl e.V.

Bericht des 1. Vorsitzenden

Auch im Jahr 2014 hielt uns die unsichere politische Lage in der Ostukraine in Atem.
Andere Hilfsorganisationen, wie z.B. die Stiftung des Landes Niedersachsen "Kinder von Tschernobyl", veröffentlichten den Reisebericht zur jährlichen Delegationsreise 2014 in die Ukraine wie folgt:
"Dr. med. Gisbert Voigt, Vorsitzender des Kuratoriums und stv. Präsident der Ärztekammer Niedersachsens, bedauert sehr, dass aufgrund der unsicheren politischen Lage in diesem Jahr keine Delegationsreise in die Ukraine durchgeführt werden konnte. In den für die Stiftung zuständigen Ministerien sind inzwischen alle Ansprechpartner abgesetzt worden."

Das ist seit Staatsgründung das Problem der Ukraine, welches ich schon so oft erleben musste: Kommt eine neue Regierung, werden sämtliche Mitarbeiter bis hin in die Kommunen durch neue Leute ersetzt, die auch oft die fachlichen Voraussetzungen nicht einmal erfüllen, doch Loyalität hat den höheren Stellenwert.
Dieses Prinzip gilt nicht nur in der ukrainischen Politik, es gilt auch in der Wirtschaft. Erfolg ist, dass die politische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes stagniert.
Tschernobyl und Fukushima sind zwei Katastrophen, die menschengemacht sind und unabsehbare Langzeitfolgen haben. Beide Katastrophen haben jedoch auch zu einer einmaligen gewaltfreien Protest- und Solidaritätsbewegung geführt, die es seit 1986 ermöglicht hat, dass über 1 Million Kinder aus verstrahlten Regionen Familienkontakte in westeuropäischen Ländern gefunden und diese besucht haben.
Weiterhin wurde inzwischen die Notwendigkeit einer nachhaltigen Umgestaltung der Industriegesellschaften von breiten Bevölkerungskreisen und den politisch Verantwortlichen in der Politik, den Kirchen und den Gesellschaften gesehen.

SOS '86 - Kinder von Tschernobyl e.V. hat die für 2014 geplanten Maßnahmen durchführen können.
Lediglich eine von unserem Sponsor, der Horst und Eva-Engelhardt Stiftung, gewünschte Maßnahme, musste storniert werden.
Horst Engelhardt hatte mich im Januar 2014 gebeten, eine Folkloregruppe aus der Ukraine für den Zeitraum 24.03. bis 31.03.2014 nach Deutschland einzuladen und hier zu betreuen. Ich hatte alle Vorbereitungen für 25 Personen zwischen 18 und 65 Jahren getroffen (Verpflichtungserklärung, Unterkunft in Deutschland, Programm in Deutschland sowie Flugkarten von Kiew nach Dortmund mit der WIZZAIR). Leider stellte die Leiterin der Gruppe dann Forderungen:
1. Der Flug muss von Kiew nach Frankfurt und zurück gebucht werden;
2. es darf nur mit einer Fluggesellschaft geflogen werden, die die Reisenden während des 2 ¼ stündigen Fluges verpflegt.
Horst Engelhardt war ob dieser Forderungen so verärgert, dass er die Einladung der Gruppe sofort zurückzog und ich alles wieder stornieren musste.

Vom 6. Juni 2014 bis zum 13. Juni 2014 unternahmen wir dann unsere 44. Informationsreise nach Kiew. Leider bestand die Gruppe nur aus drei Personen. Vom Vorstand reisten Andreas Schneider und ich sowie als Nichtmitglied Dieter Wittkowski mit. Erwähnenswert ist, dass die Reisekosten von den Teilnehmern allein getragen werden.
Für unseren Vorstand sind die halbjährlichen Informationsfahrten aus verschiedenen Gründen wichtige Maßnahmen:
1. Der Kontakt zur ukrainischen Partnerorganisation wird gefestigt;
2. der Kontakt zur Bezirksregierung wird aufrecht   erhalten. Das ist wichtig, da - wie ich es bereits vorhin erwähnt habe - die Bezirksbürgermeister häufig ausgetauscht werden (in den letzten zwei Jahren lernte ich drei neue Bürgermeister kennen, was die Verwaltung aber keinen Schritt weiter brachte);
3. die Besuche haben auch Kontrollfunktionen. Wurden die abgesprochenen Maßnahmen von der ukrainischen Partnerorganisation eingehalten? Stimmen die Abrechnungsbelege usw.

Vom 29. Juli bis 19. August fand die 43. Kinder- und Familienerholungsmaßnahme statt.
Auch hier war die Resonanz klein. Wir konnten leider nur sieben Personen am Flughafen begrüßen.
Trotz der kleinen Gruppe waren es wieder ereignisreiche drei Wochen für unsere Gäste.

Die 45. Informationsfahrt nach Kiew fand vom 10. Oktober bis zum 17. Oktober 2014 statt. Es war eine Reise in zwei Welten. Auf der einen Seite wurden wir konfrontiert mit den Verwüstungen rund um den Maidan, den Zelten der Kämpfer, den aufgerissenen Bürgersteigen, beschädigten Häusern   usw., und auf der anderen Seite den schönen, gepflegten Villen der Abgeordneten bis hin zum 80 ha großen Park des geflüchteten Expräsidenten Viktor Janukowitsch - und dazwischen die Bürger mit ihren Existenzproblemen und die Flüchtlinge aus dem Donbass, die wir besuchten und denen wir Lebensmittel und überlebensnotwendige Dinge spendeten.
Und dann noch Besuche in Krankenhäusern und Pflegeheimen für schwerbehinderte Jugendliche, eine Reise zwischen Gut und Böse.
Dr. Voigt beschrieb tief beeindruckt den Zustand der von ihm   in 2013 besuchten Krankenhäuser im Newsletter Dezember 2013 der Stiftung "Kinder von Tschernobyl" wie folgt:
"So schlimm habe ich es mir nicht vorgestellt! Der bauliche Zustand der besuchten Krankenhäuser ist bedrückend und deren medizinische Ausstattung sowie die hygienischen Zustände fragwürdig".
Diese Krankenhäuser liegen in einem Umkreis von max. 150 km um die Hauptstadt Kiew herum. Besonders im ländlichen Bereich gibt es häufig auf 50.000 Einwohner nur ein Ultraschallgerät, und diese Geräte stammen meist aus deutschen Spenden aus den 90er Jahren und sind heute technisch veraltet." Auch wir hatten in dieser Zeit bis zum Jahre 2000 zahlreiche Ultraschall-, Röntgengeräte usw. als medizinische Unterstützung in die Ukraine transportiert.
Das Gesundheitssystem der Ukraine soll in den nächsten Jahren umgebaut und nach deutschem Vorbild ein "Hausärztesystem" entstehen. Ich hoffe, dass die Bevölkerung der Ukraine damit besser fährt und die Privatärzte dann auch bezahlen kann.

Eine Einladung vom ukrainischen Generalkonsulat in Frankfurt und der ukrainischen Botschaft in Berlin zum Tag der Selbstständigkeit der Ukraine erfolgte nicht. Wahrscheinlich wurde diese Veranstaltung in 2014 nicht ausgeführt.

Ende November 2014 fand dann - wie in jedem Jahr - die Spendenübergabe im Hause unseres Sponsors Horst Engelhardt statt.
Für seine jahrelange Unterstützung unserer Arbeit bedanke ich mich an dieser Stelle.

Seit zwei Jahren arbeiten wir mit unserer neuen Partnerorganisation
ZEMLYAKI "Landsleute" zusammen. Es ist die älteste in Kiew existierende Hilfsorganisation für Menschen, die von der Tschernobyl-Katastrophe geschädigt sind. Wir arbeiten vertrauensvoll zusammen. Vorstand und Mitarbeiter in dieser Organisation sind vertrauenswürdig. Mit Unterstützung der "Landsleute" haben wir im Jahre 2014 die zweite Erholungsmaßnahme für vier schwerbehinderte Kinder in Begleitung ihrer Mütter in einem Sanatorium am Schwarzen Meer in der Ukraine durchgeführt und vielen hilfsbedürftigen Mitgliedern mit Medikamentenspenden geholfen.

Im Jahr 2014 haben wie neben den üblichen Hilfen in der Ukraine zwei größere Hilfsersuchen unterstützt:

1. Julia Bagmut
Julia Bagmut war eines unserer ersten Tschernobyl-Kinder, das von den Eheleuten Collet nach Flörsheim-Dalsheim eingeladen wurde. Julia war damals acht Jahre alt. Der Kontakt zu den Gasteltern bestand noch bis heute.
Im Jahre 2013 stellte sich bei Julia, mittlerweile 32 Jahre alt und Mutter zweier kleiner Kinder, Brustkrebs heraus. Sie musste dringend in Kiew operiert werden.
Die Eheleute Collet wollten helfen und baten unseren Verein um Unterstützung. Ich stellte den Kontakt zum Klinikum her, das uns kostenlos unterstützte.
Eine Gewebeprobe wurde im Klinikum Worms untersucht und Julia bekam einen persönlichen Untersuchungstermin bei Prof. Hitschold.
Dieser bestätigte die ausgezeichnete chirurgische Arbeit der ukrainischen Ärzte. Prof. Hitschold bezeichnete es aber als völlig unzureichend, dass die ukrainischen Mediziner auf eine Immuntherapie verzichteten, die das Wiedererkrankungsrisiko nach seiner Aussage um 50% senken würde.
Da diese Immuntherapie über ein Jahr angewendet werden muss und Kosten in Höhe von ca. 70.000 EUR entstehen, haben die Eheleute Collet sowie auch wir über den Hersteller Roche Pharma AG versucht, das Medikament Herceptin für Julia preisgünstiger zu erhalten. Leider wurde dem nicht entsprochen.
Die Eheleute Collet unterstützten Julia in 2014 mit über 40.000 EUR, wir konnten von Horst Engelhardt 10.000 EUR beisteuern, die er mir zweckgebunden für Julia an seinem 90. Geburtstag überreichte.
Leider waren die ganzen Bemühungen, Julia Bagmuts Leben zu retten, erfolglos. Sie verstarb im Mai 2015. Für die Eheleute Collet war es sehr hilfreich, dass sie an der 40-Tagefeier in der Nähe von Borispol teilnehmen und sich so von Ihrem Gastkind Julia verabschieden konnten. Julias Familie hat Collets gebeten, ihren Dank an unseren Verein auszusprechen und mich, dieses weiterzugeben. Collets haben sich für heute Abend bei mir abgemeldet, da sie sich im Urlaub im Ausland befinden.

2. Yelysaveta Skoryk
Die Familie von Yelysaveta Skoryk bat uns um Hilfe für das fünfjährige Kind, das an einem schweren Gehirntumor erkrankt war und in der Ukraine operiert werden musste. Die Eltern waren sehr aktiv und suchten für die Nachbehandlung eine Klinik in Deutschland, da diese in der Ukraine nicht möglich ist. Das Klinikum in Dortmund konnte die Nachbehandlung durchführen, stellte aber einen Kostenvoranschlag in Höhe von 125.000 EUR aus. Da die Eltern mit Mühe und Not 30.000 EUR aufbringen konnten, habe ich mich an den Oberbürgermeister Sierau meiner Geburtsstadt   Dortmund in seiner Eigenschaft als
Verwaltungsratsvorsitzender des Klinikums mit der Bitte gewandt, den Kostenvoranschlag nochmals überprüfen zu lassen.
Am 7. Februar 2014 schrieb mir Ullrich Sierau, Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, dass mit 50.000 EUR die entstandenen Kosten gedeckt seien. Zu den 30.000 EUR der Eltern hat die Stiftung "BILD hilft" weitere 20.000 EUR gespendet.
Yelysaveta wurde bis Mitte 2015 in Dortmund behandelt, ist aber dann auch leider verstorben.

Ab Februar 2014 mussten wir organisatorisch die neuen SEPA-Standards für den Zahlungsverkehr beachten. Das führte dazu, unser Vereinsverwaltungsprogramm komplett durch ein neues Programm zu ersetzen.

Seit dem Jahr 2013 arbeiten wir in Verbindung mit dem Beethoven-Duo an einem Benefizkonzert für unseren Verein. Dieses sollte im Jahre 2014 im Rahmen einer "ukrainischen Woche", ausgerichtet von der Stadt Hamburg, in Hamburg stattfinden. Leider wurde wegen der anfangs erwähnten Auseinandersetzungen in der Ostukraine dieses Vorhaben abgesagt. Zurzeit ist geplant, dieses Benefizkonzert als Friedenskonzert am 6. November 2015 in der Katharinenkirche in Oppenheim stattfinden zu lassen mit einem großen Orchester, deren Musiker zur einen Hälfte aus der Ukraine und zur anderen Hälfte aus Russland kommen.

Das waren meine Ausführungen zum Geschäftsjahr 2014. Last not least möchte ich mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen im Vorstand recht herzlich für ihre Unterstützung bedanken.
Ein besonderer Dank geht an unseren Hauptsponsor, der Horst und Eva-Engelhardt-Stiftung in Mannheim, namentlich an Herrn Horst Engelhardt. Weiterhin bedanke ich mich bei der Josef-Hagedorn-Stiftung in Hamburg, bei meinem Schwager Dipl.-Kfm. Franz-Josef Hagedorn, der unseren Verein auch schon seit Jahren unterstützt.
Der größte Dank gebührt aber unseren Mitgliedern und Freunden.

Ich hoffe, dass wir unsere humanitäre Hilfe auch in Zukunft weiter leisten können - unsere ukrainischen Freunde benötigen sie weiterhin noch dringender als in der Vergangenheit. Sie sind es uns wert. Diese Hilfe soll auch in Zukunft ein kleiner Baustein sein am Bau eines gemeinsamen, friedlichen europäischen Haus.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

67575 Eich, 31. Juli 2015

Rolf Konersmann