SOS `86 Kinder von Tschernobyl e.V.

Noch immer kein Ende der gesundheitlichen Folgen in Sicht – der Verein SOS`86 – Kinder von Tschernobyl gedenkt im April 2016 der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

Die Nachricht sickerte langsam durch. In Schweden wurde verstärkt radioaktive Strahlung gemessen, für die es keine Erklärung gab. Nur die Richtung, aus der sie kommen sollte, konnte man einigermaßen lokalisieren. Sie kam aus dem Südosten, also aus Richtung der damasligen Sowjetunion. Doch die dortige Regierung schien von nichts zu wissen und nicht weiterhelfen zu können. Nachdem aber die Messungen immer präziser wurden und alarmierende Ausmaße annahmen, konnte eine Informationssperre nicht weiter aufrechterhalten werden.

Am 26. April 1986 erlitt das Atomzeitalter in seiner kurzen Geschichte den ersten Super-GAU, den ersten „größten annehmbaren Unfall“. In Tschernobyl in der Ukraine war es in Block vier des Atomkraftwerkes zur Kernschmelze gekommen, die giftige Strahlung freigesetzt hatte. In dem schlecht gewarteten Werk versagten alle Kontrollmechanismen und alle Rettungsversuche erstickten in Hilflosigkeit. Ein ganzer Landstrich  – und fast ganz Europa – wurde verseucht, zahllose Opfer sind zu beklagen und die Folgen sind noch bis heute zu spüren.

Ein harmloser Test steht am Anfang der unbegreiflichen Entwicklungen im ukrainischen „Lenin“-Kraftwerk in Tschernobyl.  In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 soll die Betriebsmannschaft im Reaktorblock vier prüfen, ob die Turbine bei einem Stromausfall noch genügend mechanische Restenergie für die Kühlwasserpumpen liefert.  Diese Tests hatten schon vorher mehrfach stattgefunden, allerdings unter wesentlich sicheren Bedingungen. Aufgrund weniger Erkenntnisse der  früheren Tests, sollte ein neuer Test mehr Erkenntnisse bringen.
Der Test sollte  in der Tagschicht laufen,  der Testbeginn musste aber  auf die Nachtschicht verschoben werden, die aber nur unzureichend über den bisherigen Verlauf informiert war. Der eigentliche Unfall ereignete sich in wenigen Sekunden. Die Folgen sind noch über Jahrhunderte zu spüren.  Im Nachinein wurde als Unfallursache vieles erwogen. Sicher ist aber, dass eine unglückliche Verkettung verschiedener Umstände die Katastrophe erst ermöglichte. Gravierende technische Mängel am Reaktortyp RBMK, der als instabile Konstruktion bezeichnet wurde und nur in der damaligen Sowjetunion zum Einsatz kam sowie die mangelnde Ausbildung und Information des Personals sind die Hauptursachen.  Hinzu kamen unzureichende Betriebsvorschriften und die Tatsache, dass eine wirksame Hülle um den Reaktor fehlte, die die bei einem Unfall auftretenden radioaktiven Stoffe hätte zurückhalten können. Die Dachkonstruktion des Reaktorgebäudes war nicht viel stärker als ein Autogaragendach nach deutschen Bauvorschriften.

Große Mengen an radioaktiven Stoffen gerieten in den nächsten Tagen in die Atmosphäre, neben radioaktiven Edelgasen wie Krypton und Xenon auch Cäsium, Jod, Strontium, Plutonium und weitere verschiedene Radionuklide. Durch die starke  Thermik stiegen sie über 1.500 Meter hoch und verteilten sich großflächig in verschiedene Richtungen. Durch den vorherrschenden Nordwestwind waren die Ukraine, Weißrussland (Belarus) und Russland besonders betroffen.
Etwa zwei Drittel der radioaktiven Stoffe gingen durch den starken, lang anhaltenden Regen, aber auch trocken auf Weißrussland nieder. Der Wind trug die erste Wolke weiter in den skandinavischen Raum. Sie erreichte das Baltikum, Schweden und Finnland. Die zweite Wolke zog zunächst über Polen nach Osten, wo sie wetterbedingt nach Süd- und Westdeutschland umgelenkt wurde. Sie überquerte im weiteren Verlauf Nordfrankreich und Großbritannien und zog schließlich um die ganze nördliche Halbkugel. Seltsamerweise blieb die sowjetische Hauptstadt Moskau von jeglichem Niederschlag verschont. Damals wurden Vermutungen laut, dass auf Anweisung der russischen Regierung eine Spezialtruppe der Luftwaffe beauftragt wurde, die Wolken zu „impfen“ und künstlich abregnen zu lassen. Dieses wurde allerdings immer bestritten.

Der Kampf gegen das durch die Explosion des Reaktorblocks im „Lenin“-Kraftwerk entstandene Feuer wurde bereits nach vier Minuten von 14 Feuerwehrmännern des Kraftwerks aufgenommen. Sie konzentrierten sich darauf, die etwa 30 Brandherde einzudämmen. Schon sieben Minuten später trafen zehn Feuerwehrleute aus der Kraftwerkerstadt Pripjat ein. Bis zum frühen Morgen wurden insgesamt 250 Feuerwehrleute eingesetzt.
Bereits bei der ersten Inspektion des Brandes muss den Löschmannschaften klar gewesen sein, dass der Reaktor frei lag und sie einer ungeheuren Strahlungsdosis ausgesetzt waren, ohne geeignete Schutzkleidung für sie oder die Kraftwerksmannschaft und ohne  vom Arzt zur Verfügung gestellte Jodtabletten, die als erste Hilfe bei radioaktiver Verstrahlung wirken
Die ersten sechs eingesetzten Feuerwehrleute der Kraftwerksfeuerwehr wurden schon bald in die Klinik nach Pripjat eingeliefert und zwölf Stunden später in die Moskauer Klinik Nr. 6 verlegt, wo sie schnell an den Folgen der Strahlung starben, die sie in der Nacht zum 26. April 1986 aushalten mussten.  Auch einige Mitarbeiter der Kraftwerksmannschaft erlagen schnell den Folgen der Bestrahlung.
Vorrangiges Ziel der folgenden Katastrophenschutzmaßnahmen war es, eine erneute Kettenreaktion auszuschließen, eine weitere Aufheizung der Brennelemente zu verhindern, die Direktstrahlung ausreichend abzuschirmen und die Freisetzung von Radionukliden zu reduzieren. Dafür wurden nach dem Unfall insgesamt etwa 860.000 Personen, die sogenannten Liquidatoren, zu Räumungs- und Dekontaminierungsarbeiten eingesetzt. Die genaue Zahl der Katastrophenhelfer wurde nie genau ermittelt und schwankt so bei den entsprechenden Quellen.
Innerhalb von sieben Monaten gelang es den Liquidatoren, das zerstörte Reaktorgebäude und dessen geschmolzenen Kern durch einen Stahlbetonmantel einzuschließen. Dieser Sarkophag sollte die Strahlung abschirmen und den restlichen Brennstoff einschließen. 96 Prozent an radioaktivem Inventar, die in den Reaktortrümmern verblieben, lagerten sich an verschiedenen Stellen ab. Während und nach der Explosion des Reaktors entstanden aus dem Kernbrennstoff aufgrund von physikalischen und thermo-chemischen Prozessen verschiedene Modifikationen, vor allem Fragmente der Brennelemente, lavaartige Massen, die mit anderen Materialien verschmolzen oder vermischt wurden. Dadurch wurden ursprünglich nicht-radioaktive Materialien wie Bautrümmer und Schutt kontaminiert und vergrößerten dementsprechend das Volumen an radioaktiven Materialien im Sarkophag. Dieser sollte für hundert Jahre sicher sein. Man musste aber feststellen, dass diese Annahme nicht stimmte und so wurde bereits vor Jahren damit begonnen, eine neue Schutzhülle für den alten Sarkophag zu bauen, die im Jahre 2017 fertiggestellt und über die alte Schutzhülle geschoben werden soll. Bis zum 12. Dezember 2000 blieb der Reaktorkomplex Tschernobyl aufgrund der angespannten Energiesituation in der Ukraine am Netz.

Die Messungen aus Schweden alarmierten die Welt. Überall in Europa herrschte Begriffsverwirrung über die Einheiten. Von „harmlos“ bis „Tausende von Toten“ wurde alles Mögliche erwogen. Begriffe wie „Becquerel“ und „Halbwertzeit“ waren plötzlich in Deutschland in aller Munde. Die sowjetische Regierung spielte den Unfall herunter, eine von der Kraftwerksleitung begonnene „Nichtinformationsstrategie“ sollte einerseits die Menschen in der Sowjetunion beruhigen, andererseits wurden aber zur gleichen Zeit aus der Region um Tschernoby über hunderttausend  Menschen evakuiert.  Im Umkreis von dreißig Kilometern wurde das Gebiet um das Atomkraftwerk nach Höhe der Strahlenbelastung in drei Zonen aufgeteilt:
Zone 1: Radius von vier bis fünf Kilometer um die Anlage, von der erwartet wird, dass sie auf sehr lange Zeit nicht mehr bewohnbar ist.
Zone 2: Radius fünf bis zehn Kilometer um die Anlage.  Hier nimmt man an, dass sie später mit Einschränkungen wieder genutzt werden kann.
Zone 3: Diese Zone umfasst einen schwächer belasteten Bereich von zehn bis 30 Kilometer um die Anlage, der eine Rückkehr der Bevölkerung möglicherweise wieder erlaubt und in dem Landwirtschaft kontrolliert wieder möglich sein dürfte.
An den jeweiligen Grenzen werden auch heute noch Zugangskontrollen durchgeführt.

In der nahe dem Kraftwerk gelegenen Stadt Pripjat lebten damals  ca. 47.000 Menschen, davon 17.000 Kinder. Pripjat wurde für die Mitarbeiter des Kraftwerkes gebaut. Es war eine schöne Stadt, direkt am Wasser gelegen mit einem Yachthafen, Grünflächen, Sportanlagen, Kindergärten und Schulen – eine Stadt in der man sein Leben genießen konnte. Die Einwohner von Pripjat wurden aufgrund der Nichtinformationsstrategie der Kraftwerksleitung erst 36 Stunden später über den Unfall informiert. In dieser Zeit fanden noch Sportveranstaltungen wie Radrennen, Hochzeiten sowie Vorbereitungen auf die Feierlichkeiten zum 1. Mai statt. Damit niemand davon erfuhr, was in Pripjat los war, wurden alle Telefonverbindungen gekappt. Kurz nach dem Mittag des 28. April 1986 schickte die Regierung die ersten Busse, um die Einwohner zu evakuieren. Außer Dokumenten, Familienfotos und Geld durften sie nichts mitnehmen. Man versicherte ihnen, es sei nur eine Vorsichtsmaßnahme und sie würden nach kurzer Zeit wieder zurückkommen. In den folgenden Tagen und Wochen folgte aus dem inzwischen zur Sperrzone erklärten Gebiet im Dreißig-Kilometer-Radius um den Reaktor und aus besonders stark betroffenen Gebieten außerhalb dieser Zone die Evakuierung weiterer 90.000 Menschen.

Ein Großteil der aus Pripjat evakuierten Bewohner wurde nach Kiew evakuiert, da gerade zu dieser Zeit in Kiew-Watutinski Neubauten in 14-stöckigen Hochhäusern bezugsfertig wurden. Die ca. 14.000 evakuierten Bürger aus Pripjat, darunter ca. 4.000 Kinder, wurden natürlich nicht mit offenen Armen empfangen, denn sie nahmen ja den Einheimischen die schon zugesagten neuen Wohnungen weg – und das, wo Wohnraum das begehrteste Gut der damaligen Sowjetunion war und heute noch ist.

Seit 1992 hilft der in Eich ansässige Verein SOS `86 – Kinder von Tschernobyl e.V. Kindern und Familien, die unter den Folgen der Tschernobyl-Katastrophe gelitten haben und heute noch leiden.
Im Laufe von nunmehr 24 Jahren hat der Verein 78 Hilfsgütertransporte durchgeführt, insbesondere mit medizinischem Gerät, Krankenhausausstattungen, Medikamenten, Kleidung und Lebensmitteln.
Es wurde vielen strahlengeschädigten Personen medizinische Hilfe bei Ärzten und in Kliniken in Deutschland ermöglicht. Zu den heute noch durchgeführten Projekten zählen 44 Kinder- und Familienerholungsmaßnahmen in Deutschland sowie 47 Informationsfahrten in die Ukraine, zweimal jährlich stattfindende Fahrten von freitags bis samstags der kommenden Woche für Mitglieder und Nichtmitglieder. SOS `86 – Kinder von Tschernobyl e.V. arbeitet mit der ältesten humanitären Nichtregierungsorganisation in Kiew  Landsleute (Zemlyaki) zusammen, deren Projekte für hilfsbedürftige Bürger finanziell von SOS `86 unterstützt werden. Hierbei geht es in erster Linie um Hilfe für kranke Kinder und Jugendliche sowie medizinische Hilfe für Rentner.
Weitere Informationen über den Verein SOS `86 – Kinder von Tschernobyl e.V. kann man auf seiner Webseite www.sos-kindervontschernobyl.de finden. Hier sind auch die Termine für die nächsten Vereinsaktivitäten vermerkt. Der Verein lädt Interessierte zur 48. Informationsfahrt in die Ukraine ein und sucht für die 45. Kindererholungsmaßnahme im August noch Gasteltern. Interessierte können sich gerne beim ersten Vorsitzenden des Vereines, Herrn Rolf Konersmann, Telefon 06246/7466, melden.